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«La Traviata» im Hauptbahnhof

Dirigent: Paolo Carignani
Inszenierung: Adrian Marthaler
Bildregie: Felix Breisach
Auftraggeber: Schweizer Fernsehen

 

 

 

 

Die Oper wurde am 30. September direkt von SF 1, TSI, HD suisse und Arte übertragen.


DAS ARTE MAGAZIN

ARIEN AUF GLEIS 9

ARTE OPER

LA TRAVIATA IM HAUPTBAHNHOF ZÜRICH
Dienstag • 30. September • 20.05
Erleben Sie das Event vor und hinter den Kulissen live auf www.arte.tv/traviata

Es ist ein Experiment für alle Beteiligten: „La Traviata“ im Bahnhof Zürich. Felix Breisach und Adrian Marthaler verlegen die Verdi-Oper aus dem Opernhaus in den öffentlichen Raum – und ARTE überträgt das Kultur-Event live.


Die Regisseure:

Felix Breisach (li.)
und
Adrian Marthaler

Die Fahrpläne eines normalen Wochentags werden eingehalten, Arien verschmelzen mit dem Quietschen der Bremsen und dem Lärm, den Tausende Reisende in den Bahnhofsgeschäften und auf dem Weg zu ihren Zügen verursachen. Eine Herausforderung für Sänger, Orchester und Technik gleichermaßen, wie Regisseur Felix Breisach berichtet.

ARTE: Herr Breisach, warum verlassen Sie mit Ihrer „Traviata“-Inszenierung die Opernbühne?

Felix Breisach:
Die BBC hat vor einigen Jahren Teile eines Musicals im Bahnhof Paddington in London aufgeführt. Das war der Anlass für das Schweizer Fernsehen, auf uns zuzugehen und mit uns über neue Formen nachzudenken, mit denen man Oper für das Fernsehen attraktiver machen kann. So kamen wir auf die Idee, Oper in den öffentlichen Raum zu transportieren und das als Bühne zu verwenden, was bereits vorhanden ist.

ARTE: Weshalb ist Ihre Wahl für einen solchen öffentlichen Ort auf den Züricher Bahnhof gefallen?

Breisach: Wir können Opern heute überall spielen, und diese künstlerische Freiheit empfinde ich als sehr positiv. Dass die Wahl auf den Bahnhof fiel, lässt sich auch inhaltlich begründen: Die Abschiedsszene von Alfredo und Violetta findet zum Beispiel im Zug statt und Violettas Haus ist ein Kaffeehaus. Das Besondere an unserer Inszenierung ist, dass wir eine Form der Präsentation im Fernsehen finden wollen, die es so noch nicht gegeben hat – und dass wir die Menschen dort abholen wollen, wo sich ihr tägliches Leben abspielt. Die Oper ist ein elitärer Raum geworden. Wenn man sich zum Beispiel die Salzburger Festspiele ansieht, sind die so teuer, dass sich ein Durchschnittsbürger keine Karte mehr leisten kann. Deshalb ist es richtig, das Opernhaus zu verlassen und dem Bürger, der mit seinen Steuern all diese Dinge finanziert, so ein Erlebnis zu ermöglichen.

ARTE: Wollen Sie damit auch ein anderes Publikum als die Abonnenten für die Oper interessieren?

Breisach: Man muss sagen, dass es bisher selten gelungen ist, mit dieser Art von Programm ein großes Fernsehpublikum zu erreichen. Aber neugierig zu machen ist eine Art Verpflichtung, die wir als Fernsehleute haben. Wenn das gelingt, ist es schon ein Erfolg. Obwohl ich finde, dass Event-Fernsehen auch Nachteile haben kann.

ARTE: Welche können das sein?

Breisach:
Vor 20 Jahren hatten wir dieses Phänomen mit den Drei Tenören und jetzt mit Netrebko und Villazón: Eine ganze Branche konzentriert sich nur noch auf zwei bis drei Stars. Das sind zweifellos große Künstler, aber es gibt immer noch 50 oder 100 andere ganz große Sänger, die so gut wie nicht mehr im Fernsehen vorkommen. Die Aufmerksamkeit, die die wenigen Stars bekommen, steht dazu in keinem Verhältnis.

ARTE: Vor welche technischen Schwierigkeiten stellt Sie die Inszenierung in Zürich?

Breisach: Einerseits ist es kameratechnisch eine große Herausforderung, einen Raum zu bespielen, der 300 mal 200 Meter groß ist. Tontechnisch ist es die größte Herausforderung, die man sich vorstellen kann. Denn das Orchester spielt in der Haupthalle des Bahnhofs. Die Sänger bekommen den Ton des Orchesters über einen Knopf im Ohr, singen müssen sie über ein Mikrofon. Rein physikalisch gesehen haben wir durch die Wege, die die Musik zurücklegen muss, eine Verzögerung, die wieder ausgeglichen werden muss.

ARTE: Und die Sänger müssen gegen den Bahnhofslärm ansingen.

Breisach: Ja, außerdem haben sie weder Sichtkontakt zum Orchester noch zum Dirigenten. Deshalb brauchen wir drei Subdirigenten, die das Dirigat an die Sänger weitergeben. Dazu kommt die Kameratechnik: Insgesamt sechs Orte werden mit 16 Kameras gefilmt. Wir versuchen, das Ambiente des Bahnhofs wirken zu lassen und dabei nicht zu vergessen, dass es auch eine Oper ist. Es ist eine Gratwanderung zwischen Motiv und Musik.

ARTE: Wird es funktionieren?

Breisach: Ich hoffe es. Diese Situation ist nicht berechenbar. Deshalb wäre es schön, wenn viele Menschen kommen würden, um sich das anzuschauen, und dann entweder staunend oder kopfschüttelnd den Bahnhof wieder verlassen. Beides ist denkbar.

ARTE: An keiner Stelle des Bahnhofs wird man alles hören können – die Zusammenführung von Musik, Gesang und Spiel findet erst auf dem Bildschirm statt. Was reizt Sie daran, die Oper zu dekonstruieren?

Breisach: Es interessiert mich, etwas zu versuchen, was noch niemand versucht hat, und die technischen Möglichkeiten bis zum Letzten auszureizen. Es ist mit Sicherheit technisch das Komplizierteste, worüber ich jemals nachzudenken hatte.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE ULRIKE KÖPPEN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

OPER IN HD-TV
Kultur-Events in gestochen scharfen Bildern:
Johannes Claes, ARTE-Hauptabteilungsleiter Technik, über die HD-Ausstrahlung.

ARTE: „La Traviata“ im Züricher Bahnhof wird auf ARTE in High Definition übertragen. Welchen Unterschied wird man auf dem Bildschirm feststellen können?
Johannes Claes: Zuschauer mit einer HD-TV-Empfangseinrichtung erhalten eine bis zu fünfmal höhere Bildauflösung und erkennen Dinge, die sie bisher nicht gesehen haben. Bei einer Konzertübertragung werden zum Beispiel die Noten des Cellisten oder die Schweißperlen auf der Stirn des Dirigenten sichtbar. Das ist ein neues Fernseherlebnis.

ARTE: Was bedeutet HD-TV generell für die Übertragung solcher Kultur-Events?
Claes: Man hat das Gefühl, dichter und unmittelbarer dabei zu sein – und dadurch wirken Bühnen-ereignisse wie Konzerte oder Theaterinszenierungen authentischer. Der Detailreichtum lässt die Übertragung zu einem kinoähnlichen Erlebnis werden.

ARTE: Welche Herausforderungen ergeben sich
dadurch bei einer Live-Übertragung?
Claes: Sicher muss man in der Bildregie noch sorgsamer arbeiten, weil man bei Großaufnahmen sogar die Fingerabdrücke auf dem Lack einer Violine sieht. Das stellt neue Anforderungen an das gesamte Produktionsteam, vor allem an Beleuchter, Kameraleute und Maskenbildner. Aber auch bezüglich der Technik ergeben sich neue Herausforderungen, von der Bildaufnahme bis zur Übertragung der Signale.

ARTE: Wie können die ARTE-Zuschauer das Programm in HD empfangen?
Claes: Derzeit wird das ARTE-HD-Signal nur über Satellit angeboten, die Ausstrahlung ist unverschlüsselt. Zum Empfang benötigt man neben dem HD-Bildschirm außerdem einen HD-Sat-Receiver.

ARTE PLUS

DIE ARTE-EMPFANGSDATEN FÜR HD-TV:
Satellit ASTRA 19,2° Ost
Frequenz 11362 MHz
Polarisation horizontal
Symbolrate 22000
FEC 2/3
SID 11120
PCR 6210
V-PID 6210
A-PID 6221 (deutsch) / 6222 (französisch)
Modulation 8PSK (DVB-S2)

 

NZZ Online

Der Zürcher Hauptbahnhof als Opernbühne
Das Schweizer Fernsehen inszeniert am 30. September live Giuseppe Verdis «La Traviata»



Zusammen mit dem Zürcher Opernhaus inszeniert das Schweizer Fernsehen Verdis «La Traviata» im Hauptbahnhof.

Ein medientechnisches Kunststück versucht das Schweizer Fernsehen (SF) am Dienstag, dem 30. September: Es überträgt ab 20 Uhr eine Opernaufführung aus dem Hauptbahnhof. In der grossen Halle, in den Restaurants der Seitentrakte und auf den Perrons wird dann Giuseppe Verdis «La Traviata» gespielt. Chor und Orchester des Opernhauses machen mit, wobei die Gesamtleitung bei SF liegt. Felix Breisach führt die Fernsehregie, der ehemalige SF-Kulturchef Adrian Marthaler besorgt die szenischen Arrangements im Bahnhof. In den Hauptrollen singen Eva Mei, Vittorio Grigolo und Angelo Veccia. Dirigent ist Paolo Carignani.

Im Bahnhof wird allerdings keine künstliche Opernwelt aufgebaut, vielmehr dient die natürliche beziehungsweise alltägliche Kulisse des öffentlichen Knotenpunkts als Hintergrund der Aufführung. Es handelt sich insofern um ein offenes Kunstwerk, das Interaktionen oder Interferenzen zwischen Opern- und Werktagsleben nicht ausschliesst. Durchsagen, quietschende Bremsen oder allenfalls vor den Kameras Grimassen schneidende Passanten werden mit übertragen. Es gehe darum, «zu sehen, was passiert, wenn eine Oper wie ein Meteorit in das Alltagsgefüge eines Bahnhofs einschlägt», sagt Marthaler. «Wir arbeiten mit dem Material, das der Bahnhof zur Verfügung stellt.» So wird die Sterbeszene am Schluss in einen Krankenwagen verlegt, der immer am Bahnhof bereitsteht.

Die gesamte Opernaufführung wird nur der Zuschauer zu Hause mitverfolgen können. Im Hauptbahnhof dürfte teilweise bloss ein Schattenboxen zu sehen sein, da Orchester und Sänger manchmal weit voneinander entfernt sind und die Standorte der Akteure wechseln. Entsprechend komplex gestalten sich die Aufführungsbedingungen. So kommen an diversen Stellen «Subdirigenten» zum Einsatz, welche über einen Monitor mit dem Dirigenten in Kontakt stehen und mit dem Orchester über Kopfhörer verbunden bleiben. Auch die Akustik der Bahnhofshalle entspricht nicht wirklich der Qualität eines Opernhauses oder einer Tonhalle. «Nur schon tontechnisch ist das eine Riesenherausforderung», sagt Marthaler. Perfektion darf man darum sicher nicht erwarten. Sensible Opernohren wird man mit der Aufführung eher nicht begeistern können.

Motiviert zu dieser Kulturvermittlung der spektakulären andern Art wurde SF durch die erfolgreiche Übertragung der «Zauberflöte auf zwei Kanälen», aber auch durch die BBC, welche kürzlich Opernarien und Chorwerke in der Londoner Paddington-Station aufführte. Wenn SF mit dieser Aufführung gleichzeitig seine medientechnische Virtuosität inszenieren will, steht es vor einem schwer lösbaren Problem: Läuft alles (fast) perfekt, wird der Zuschauer die Leistung als Selbstverständlichkeit hinnehmen; geht etliches schief, wird vor allem reklamiert. Der alternative Kulturvermittler muss also demütig bleiben.

Zürich, Hauptbahnhof, am 30. September direkt auf SF 1, TSI, HD suisse und Arte.

 

DRS

Zürcher HB wird zur Opernbühne

Moderatorin Sandra Studer, Sänger Vittorio Grigolo und Sängerin Eva Mei helfen mit, das kulturelle Grossprojekt zu realisieren.
(Bild: sf)

Alltagsrealität und grosse Kunst verschmelzen, wenn das Schweizer Fernsehen am Dienstag, 30. September 2008, «La Traviata» im Hauptbahnhof Zürich inszeniert und live auf SF 1 sendet. Die Bahnhofshalle verwandelt sich in einen klingenden Kultur- und Erlebnisort, sowohl für die Pendler und Schaulustigen als auch für das Fernsehpublikum zu Hause. Sandra Studer präsentiert die Livesendung ab 20.05 Uhr zeitgleich auf SF 1, TSI, HD suisse und Arte.

Eine Opernaufführung mitten in den Pendlerströmen des Zürcher Hauptbahnhofs: «La Traviata im Hauptbahnhof» ist ein Kulturprojekt des Schweizer Fernsehens, das in Zusammenarbeit mit dem deutsch-französischen Kultursender Arte, der SBB und dem Opernhaus Zürich produziert wird.

Nach der preisgekrönten «Zauberflöte auf zwei Kanälen» (2007) bereitet die Redaktion «Musik, Tanz und Theater» damit bereits das zweite kulturelle Grossprojekt für das Schweizer Fernsehen vor.

«Der grosse Erfolg der 'Zauberflöte? war für uns ein Ansporn, ein neues kulturelles Grossereignis für die Primetime von SF zu entwickeln», erläutert Redaktionsleiter Thomas Beck. «Wir sind froh, für unser Projekt mit Felix Breisach einen renommierten Fernsehregisseur und mit Adrian Marthaler einen kreativen Kopf für die szenischen Arrangements im Bahnhof gewonnen zu haben.»

Bahnhof als Opernkulisse und Fernsehstudio

Diese Produktion ist eine grosse künstlerische und technische Herausforderung; denn SF inszeniert die Oper live an verschiedenen Standorten des Hauptbahnhofs, so zum Beispiel in der Haupthalle, in Cafés und im Gleisbereich.

Erst am Bildschirm fügen sich die einzelnen Szenen zu einem Ganzen zusammen. «Das Fernsehpublikum zu Hause sitzt in der vordersten Reihe», sagt Produzent Christian Eggenberger. «Der Bahnhof wird zur Opernbühne und zum Fernsehstudio gleichzeitig ? und muss natürlich zu jedem Zeitpunkt ein Bahnhof bleiben.»

Den Klangkörper bilden Ensemble, Chor und Orchester des Opernhauses Zürich, unter der musikalischen Leitung von Paolo Carignani. In der Titelpartie der Violetta ist Eva Mei zu erleben, Vittorio Grigolo singt Alfredo und Angelo Veccia die Partie des Giorgio Germont.

Bewegende Geschichte

Dank ihres Melodienreichtums, der authentischen Figuren und der ebenso zeitlosen wie bewegenden und realistischen Geschichte gehört Giuseppe Verdis Oper «La Traviata» zu den beliebtesten Opern überhaupt. Die Pariser Kurtisane Violetta Valery entdeckt ihre wahre Liebe. Um den Ruf des geliebten Alfredo Germont nicht zu gefährden, verzichtet sie jedoch auf Drängen seines Vaters Giorgio auf ihr Glück, kehrt zurück in die Halbwelt und erliegt bald darauf einer unheilbaren Krankheit.

sf/godc