medienwerkstattmedienwerkstatt 30. November 2015 um 23.00 auf ORF 2

"The Songbook"

Regie: Florian Gebauer
Kamera:Wolfgang Rauch, Heribert Senegacnik, Martin Stingl, Harald Mittermüller,
Schnitt: Tom Pohanka
Produktion: Felix Breisach Medienwerkstatt ©2015

 

Klassischer Liedgesang trifft auf modernen Video-Clip

In der Filmakademie präsentierten am 11. November 2014, ORF-Kulturchef und Ideengeber Martin Traxl, die Mentoren Michael Haneke und Ildikó Raimondi, die Institutsleiter Claudia Walkensteiner-Preschl (Film und Fernsehen) und Peter Edelmann (Gesang und Musiktheater) sowie Rektor Franz Patay (Konservatorium) und Produzent Felix Breisach das Projekt vor Studentinnen und Studenten.



Anregendes Kick-off für ein aufregendes audiovisuelles Kunstprojekt: Unter dem Titel „The Songbook“ hat der ORF in Kooperation mit der Filmakademie, der Universität für Musik und darstellende Kunst und dem Konservatorium Wien Privatuniversität eine spannende multimediale Kunstinitiative gestartet.

Dabei trifft klassischer Liedgesang auf modernen Videoclip:

Unterstützt von Mentoren wie Michael Haneke und Ildikó Raimondi entwickeln und realisieren junge SängerInnen und FilmemacherInnen ein innovatives audiovisuelles Konzept. Das Ziel ist es, bis zum Ende des Uni-Sommersemesters im Juni 2015 Lieder aus der klassischen Literatur (Kunstlied) neu einzuspielen und zu verfilmen.



Entstehen sollen bis zu zehn moderne Videoclips, die sowohl im Fernsehen als auch online präsentiert werden und in weiterer Folge als Unterrichtsmittel dienen können.




Außerdem wird eine das Projekt begleitende Dokumentation gedreht.




Junge Zugänge zu alten LiedernAlle "Songbook"-Clips
Videoclips für klassische Musik

Über ein Jahr hat es gedauert, nun steht der ORF-Wettbewerb „Songbook“ kurz vor dem Abschluss: Im Zuge einer multimedialen Initiative als Koproduktion mit ORF, Filmakademie und Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) wurden in den vergangenen Monaten Kunstlieder von jungen Sängern neu vertont und von Filmstudenten in Musikvideoclips interpretiert.


Dass Rock- und Popstars ihre Hits mit Videoclips promoten, hat lange Tradition. Klassischer Liedgesang kommt im Normalfall konzertant oder in reinen Tonaufnahmen zu seinem Publikum. Neben anderen klassischen Musikgattungen fristete das Kunstlied, das überwiegend im deutschen Sprachraum verwurzelt ist, zudem lange Zeit auch eher ein Nischendasein. In den letzten Jahren erlebt die vertonte Lyrik jedoch eine Renaissance, Liederabende haben Hochsaison, und Opernstars wie Jonas Kaufmann und Anna Netrebko erreichen mit Konzerten und Einspielungen ein großes Publikum.


Making of „Songbook“
Vom Casting bis zur Fertigstellung der Videos wurden die jungen Künstler von einem ORF-Team begleitet. Die Doku „Songbook - Klassisches Lied trifft Videoclip“ ist am Montag um 23.00 Uhr in ORF2 zu sehen.
Auch Sopranistin Ildiko Raimondi widmet sich seit vielen Jahren dem Genre und brachte im Zuge eines wissenschaftlichen Projekts etwa eine Sammlung der 41 Goethe-Lieder des tschechischen Komponisten Wenzel Johann Tomaschek heraus. Das Kunstlied vermittle Geschichten, die in der Oper oft drei Stunden dauern würden, so Raimondi, „ohne Verpackung“. Bei „Songbook“ war sie gemeinsam mit Angelika Kirchschlager, Adrian Eröd, Herbert Lippert und Kurt Rydl Teil der Jury, die bei einem Casting zehn Gesangsstudenten auswählte und ihnen für die Einstudierung und Aufnahme der Lieder als beratend zur Seite stand.

Haneke will die Fantasie der Zuschauer provozieren
Studenten der Filmakademie entwickelten parallel dazu Konzepte für Videoclips, um die Geschichten, die die Lieder erzählen, zu bebildern. Dafür galt es einen möglichst neuen Zugang zu finden, denn Oscar-Preisträger und „Songbook“-Mentor Michael Hanekes Anspruch an die Studenten war ein hoher. „Wenn man versucht, eine Geschichte, die im Lied erzählt wird, eins zu eins abzubilden, ist es dumm“, sagt Haneke.

„Musik und Text provozieren ja immer die Fantasie des Zuschauers. Ein Filmbild lehnt ja erst mal die Fantasie des Zuschauers. Sie müssen irgendwas erfinden, was einen neuen Spannungsraum eröffnet.“ Er interpretiere auch seine eigenen Filme nie: „Dafür macht man das ja: dass der Zuschauer das interpretiert. Wenn ich dem Zuschauer sage, wie er’s verstehen soll, dann ist es verlorene Liebesmüh.“


„Musik und Text provozieren ja immer die Fantasie des Zuschauers“

Perfektionismus bedeutet in der Filmbranche vor allem: sehr viel Arbeit, auch viel Geduld. Das mussten etwa auch Anna Hawliczek und Patrick Vollrath bei den Dreharbeiten zu Joseph Haydns „Lob der Faulheit“, gesungen von Christoph Filler, feststellen. „Man denkt sich das so nett aus“, so die beiden, die für ihr reduziertes Konzept den perfekten Sonnenaufgang filmen wollten - und denen dabei mehrfach das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

Das Selbstmorddrama eines verlassenen Socken
Henning Backhaus, der sich mit „Gute Nacht“ aus Franz Schuberts „Winterreise“, gesungen von Kristjan Johannesson, auseinandergesetzt hat, hatte mit ganz anderen Herausforderungen zu tun. Als Vorbilder nahm er sich Tim Burton und „Sesamstraßen“-Mastermind Jim Henson - und entschied sich für eine Umsetzung mit Puppen.

„Das ist nicht immer nur albern - da liegt auch eine Tiefe drin. Und darum geht es eigentlich“, so Backhaus, der das Lied als Selbstmorddrama des verlassenen Sockens Ingbert interpretiert. Seine erste Vorstellung, dass die Arbeit mit Puppen leichter sei als Arbeit mit Schauspielern, stellte sich als Trugschluss heraus: „Weil ja der Puppenspieler auch einen bestimmten Charakter erzeugt.“


Ein Socken geht auf „Winterreise“                             Foto: Henning Backhaus

Mit einem Charakter nahe am Suizid befasst sich auch Robert Schumanns „Der arme Peter“, gesungen von Daniel Foki. Michael Podogil lässt den unglücklich verliebten Peter als Punk auf einer Gothic-Hochzeit auftauchen und erzählt die ganze Geschichte in eingefrorenen Standbildern, durch die sich der Sänger-Erzähler bewegt.

Rasanter interpretiert Stefan Polasek Schuberts „Erlkönig“ (gesungen von Matthias Hoffmann). Der Vater, der sein sterbendes Kind retten will, reitet nicht zu Pferd zum rettenden Hof, sondern rast mit dem Auto in die Notaufnahme.

Auch in Tobias Dörrs Auslegung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Abendempfindung an Laura“, gesungen von Anna Katharina Tonauer, ist eine Autofahrt das zentrale Motiv. „Das Thema ist Abschied, der Text voller Todessymbole. Das erste Bild, das mir kam, war eine Frau alleine in einem Auto unterwegs irgendwo in der Nacht“, erklärt Dörr. Seine junge Protagonistin lässt er somit auf einen Roadtrip durch die USA gehen, um „eine frische Perspektive“ zu ermöglichen.

Verzweiflung statt Melancholie
Lieder werden generell gern melancholisch interpretiert. Für Schuberts „Gretchen am Spinnrade“, für „Songbook“ gesungen von Caroline Jestaedt, wollte Regisseurin Magdalena Chmielewska aber genau das vermeiden: „Die Emotion, die ich ansprechen wollte, war Verzweiflung.“ Ihr von der unmöglichen Liebe zu Faust gequältes Gretchen, für das sie an der Ostsee die passende Kulisse fand, sollte eben nicht romantisch, melancholisch wirken.


Gretchen verzweifelt an der Liebe zu Faust                      Foto: Henning Backhaus

Wenig Romantisches findet auch Barbara Schärf an Schuberts „Heidenröslein“, gesungen von Pavel Kvashin. Dass die Musik ein Liebeslied suggeriert, ist für die Regisseurin eine riesige Diskrepanz, die sie mit ihrem Clip, der in einer U-Bahn-Station spielt und weitgehend im Studio gedreht wurde, bereinigen will: „Ich möchte, dass Leute, die den Film sehen, das Lied nicht mehr anders interpretieren können als eine Vergewaltigung.“


Melancholie in „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“                Foto: Michael Mrkvicka

Als solche sieht auch Henri Steinmetz Schuberts „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“, gesungen von Dymfna Meijts, wenn auch mit weniger drastischen Bildern. Wo Schärf die Kamera nicht wegschwenken lässt, zeigt Steinmetz Kunstwerke, fokussiert auf die Hände seiner Protagonisten und lässt das Spiel mit der Autoverriegelung zur Metapher für den sexuellen Übergriff werden.

Onlinevoting läuft
Die Zugänge der jungen Regisseure hätten unterschiedlicher nicht sein können, das zeigen die acht Videos, die nun im Wettbewerb auch gegeneinander antreten. „Ein Kompendium der Kreativität für das Publikum von morgen“, hat sich Martin Traxl, Chef der ORF-TV-Kultur, gewünscht: „spannende, überraschende, berührende, witzige Filmminiaturen“. Seit Anfang November wurden diese nun in „kultur.montag“ präsentiert, der Sieger wird derzeit mittels Onlinevoting und Expertenjury gekürt. Noch bis 15. Dezember kann abgestimmt werden - mehr dazu in insider.ORF.at.